Filterblasen-Freund Fabian F. Fröhlich traut sich raus

Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann. Das hat mal irgendein wichtiger Mensch gesagt, und der meinte es bestimmt gut. In meinem Kopf ändert das Denken heute auch ständig wie irre die Richtung. Allerdings liegt das wohl eher an der Party gestern. Man scheint es mir trotz Sonnenbrille anzusehen, denn eben kommt die Chefin rein und stellt mir einen großen Becher Kaffee hin. Auf dem Becher steht: „Work Hard – Play Hard“. Merci vielmals!

Dabei war ich ausschließlich zu Recherchezwecken auf der Party. Es ist nämlich wichtig, die eigene Filterblase immer mal wieder zu verlassen und sich im Real Life umzuschauen. Was es da alles zu entdecken gibt!

Zum Beispiel meinen Kumpel Pitt (er heißt natürlich anders, zu seinem und meinem Schutz habe ich den Namen für diesen Text geändert). Pitt ist Verschwörungstheoretiker der ersten Stunde. Das würde er selbst nicht so von sich sagen, er hat nämlich Beweise für seine Thesen … äh … für die Wahrheit. Geben Sie ihm ein Stichwort – Bilderbergkonferenz, Finanzkrise, Klimawandel, Ebola – und erleben Sie den heimlichen Ghostwriter von Dan-Brown-Thrillern. Sie brauchen nie wieder einen Roman zu kaufen.

Oder Mischa (der natürlich auch anders heißt). In Mischas Garage steht ein vollgetankter NVA-Kübelwagen, das ist ein Jeep der ehemaligen DDR-Armee. Mischa hat ihn mit allem bestückt, was man auf der Flucht brauchen kann: Trinkwasser, Wurstkonserven, Medikamente, Zelt … Wovor Mischa denn fliehen wolle? „Wenn der Russe vor der Tür steht, bin ich in 20 Minuten startklar.“ Sie müssen wissen, Mischa ist kein seniler Opa – er ist Mitte vierzig und im bürgerlichen Leben Versicherungsmakler. Seine Kunden ahnen wahrscheinlich nichts von alldem.

Diese Pitts und Mischas haben natürlich auch ihre Filterblasen. Sie sind sich darin einig, wie die deutsche Bundestagswahl manipuliert werden wird: Die Etablierten schicken Wahlhelfer zum Stimmenauszählen. Mit einem kleinen Bleistift in der Hand versteckt machen die dann Zusatzkreuzchen auf den Wahlzetteln und damit die Stimmen des politischen Gegners ungültig. Dabei weiß man genau, wie „eine echte Volksabstimmung“ ausgehen würde, denn man hat ja an einer repräsentativen Facebook-Umfrage teilgenommen.

Hach, wie gut, dass diese Real-Life-Partys irgendwann enden und ich zurück kann an den vertrauten Redaktionsschreibtisch. Gemeinnützige Hilfsprojekte recherchieren, genderneutral und in gewaltarmer Sprache über die gute Sache texten … Ich gebe offen zu: Den Pitts und Mischas dieser Welt bin ich doch intellektuell und moralisch überlegen – in meiner COc-neutralen Umgebung aus nachwachsenden Rohstoffen, Solarenergie, Bio-Eiern und Fair-Trade-Kaffee.

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