"Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit, wie man sich einbringt"

Reinhard Heiserer ist Geschäftsführer von Jugend Eine Welt
Reinhard Heiserer ist Geschäftsführer von Jugend Eine Welt

Darum geht‘s: Fundraising, Stiftungen, Jugend Eine Welt, Österreich

Reinhard Heiserer engagiert sich seit etlichen Jahren für das Spendenwesen in Österreich, unter anderem als Mitgründer und Geschäftsführer von „Jugend Eine Welt – Don Bosco Aktion Österreich“. Um Mittel für gemeinnützige Zwecke zu gewinnen, geht Heiserer auch ungewohnte Wege. Im Interview erklärt er das Konzept der „Jugend Eine Welt“-Stiftung und wie Interessenkonflikte im Fundraising vermieden werden.

Warum haben Sie die Stiftung „Jugend Eine Welt“ gegründet?

Damit bieten wir die Möglichkeit, ganz konkrete, eigene Wertvorstellungen und eigene Projekte langfristig zu unterstützen. Der Stiftungszweck dient im Grunde der Armutsbekämpfung mit Fokus auf Bildungsprojekte. Einerseits gibt es dafür den klassischen Stiftungskapitalstock, der zu Zustiftungen einlädt. Zum Zweiten hat die Stiftung eine aufzehrende Säule. In Zeiten wie jetzt ruht das Stiftungskapital, und es gibt kaum Kapitalerträge. Viele Stifter sind damit unzufrieden.

Viele Stifter sind damit unzufrieden?

Ja. Weil sie vorhatten, Projekte zu fördern, Gesellschaft zu gestalten und Zukunft zu ermöglichen. Wenn Ihr Kapital an eine Stiftung gebunden ist und keinen Gewinn abwirft, sind die einzigen Profiteure dann Banken, Behörden, Rechtsanwälte und Notare, die alles verwalten. Das Investment entfaltet aber keine Wirkung. Die aufzehrende Variante, die in Österreich noch nicht sehr üblich ist, war für uns eine wichtige Antwort darauf. Auch wenn sich die Stiftung über kurz oder lang aufzehrt, passiert genau das, was der Stifter wollte.

Wie binden Sie die Interessen von Spendern in die Stiftungsarbeit ein?

Wir verfolgen die Armutsbekämpfung und die Förderung von Bildungsprojekten. Einige Dinge sind natürlich bereits in der Stiftungsurkunde ausgewiesen: Straßenkinder und Soziales, Berufsausbildung, Mädchen- und Frauenförderung, Ehrenamt und Freiwilligentätigkeit. Da gibt es vorgegebene Fonds. Ab einer bestimmten Summe kann der Stifter selbst Fonds benennen und Schwerpunkte definieren.

Ab welcher Summe?

Bei uns ist das ab 200 000 Euro möglich.

Wie viel Vermögen haben Sie als Vorstand in die Stiftung eingebracht?

Wir haben mit einem Stiftungsstartkapital von 100 000 Euro begonnen. Ich selbst habe davon 10 000 Euro zugestiftet und zwei Förderer haben uns geholfen, die Restsumme aufzubringen.

Warum die Zustiftung?

Ich bin seit 25 Jahren mit dem Thema und den Anliegen von „Jugend Eine Welt“ verbunden. Es ist eine Frage der Glaubwürdigkeit, wie man mit seinem Thema umgeht und sich einbringt.

Eine Frage der Glaubwürdigkeit?

Wenn ich für eine Stiftung werbe, will ich selbst aktiv sein. Das Gleiche gilt für das Spendensammeln oder für Testamente. Wenn ich für mich selbst nicht entschieden habe, etwas zu tun, bin ich ein Verkäufer. Ansonsten bin ich involviert und engagiert. Ich bin mir sicher, dass das ein wesentlicher Aspekt im Fundraising ist.

Sich selbst zu engagieren?

Ich glaube, das ist der Hauptpunkt. Ich kann nur um Daueraufträge werben, wenn ich selbst einen Dauerauftrag abgeschlossen habe. Man kommt auch in Erklärungsnot, wenn man mit potenziellen Gebern spricht, die sich davon überzeugen wollen, wer ihr Gegenüber ist, wie ihr Gegenüber agiert und was er macht.

„Jugend Eine Welt“ hatte im vergangenen Jahr 6,47 Millionen Euro an Spenden und Fördermitteln. Braucht es da wirklich noch eine Stiftung?

„Jugend Eine Welt“ hat kein Geld für langfristige Projekte und Vorhaben. Wir sammeln das Geld und geben es sehr kurzfristig wieder aus. Wir sind im klassischen Fundraising oft in der Klemme, dass wir Einzelspenden bekommen. Zum Teil beträchtliche Einzelspenden. Wir brauchen aber für viele Projekte, gerade im Bildungsbereich, langfristige Absicherung. So, dass wir zu einem verlässlichen Partner für Projekte in Afrika oder Lateinamerika werden. Dafür sind Spontan- und Katastrophen-Spenden eher ungeeignet.

Die Stiftung soll also zusätzliche Ressourcen mobilisieren?

Unser Ziel war nie die Gründung einer Klein- oder Symbolstiftung, sondern das Ziel ist, zusätzliche Stifterinnen und Stifter ansprechen zu können. Im Grunde genommen ist mein Anliegen, dass es mehr gemeinnütziges Engagement gibt. Ob durch eine Privatstiftung, eine gemeinnützige Stiftung, eine kirchliche Stiftung, gemeinnützige GmbH oder einen Verein: Das sind technische oder organisatorische Fragen, um das Engagement zu organisieren.

Soll „Jugend Eine Welt“ auch offene Spenden in das Stiftungskapital einfließen lassen?

In das Stiftungskapital fließt nur jenes Geld, das von Zustiftern dezidiert für diesen Zweck gedacht ist. „Jugend Eine Welt“ Österreich bleibt ein Ansprechpartner für Menschen, die in unseren Projekten konkret helfen wollen, sei es durch Ehrenamt, durch Spenden oder die Legung eines Testaments. Das sind Werkzeuge, die im Leben eines Menschen zu unterschiedlichen Zeitpunkten eine Rolle spielen. Wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass die Intention im Mittelpunkt steht.

Dass Spender ihren Überzeugungen folgen können?

Ich verstehe mich da als Brückenbauer und Vermittler. Wir helfen, dass sich Menschen finden, die sich gegenseitig stützen können: Diejenigen, die auf finanzielle Unterstützung angewiesen sind, sowie diejenigen, die aus persönlichen Motiven unterstützend eingreifen wollen. Wir bringen beide zusammen, helfen in der Umsetzung der Kooperationen und Überweisungen, begleiten Projekte, überprüfen und kontrollieren. „Jugend Eine Welt“ ist keine Institution, die andere Mittel als Spenden hat.

Doch könnte „Jugend Eine Welt“ Großspender unter den eigenen Unterstützern finden und entsprechende Vorschläge unterbreiten.

Ja. Zum anderen glaube ich aber, dass man durch eine Stiftung neue Zielgruppen ansprechen kann. Einige unserer Spender und Förderer kommen beispielsweise auch für die Anleihen in der Don Bosco Finance GmbH in Frage.

Wie wollen Sie Interessenkonflikten zwischen Verein und Stiftungen entgegenwirken?

Wir wollen keinen Wettbewerb zwischen unseren eigenen Rechtsträgern. Meiner Meinung nach geht das nur durch ein gemeinsames Verständnis: Wir haben einen Verein für Projektförderungen und entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Österreich, zwei Rechtsträger für Freiwilligenarbeit, eine GmbH für Unternehmenskooperationen und eine für Finanzierungsfragen. Für uns sind das rechtlich notwendige Strukturen, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen. Die Frage, ob ein Geber lieber schnell über den Verein sein Geld kanalisiert oder in der Stiftung über einen längeren Zeitraum wirken lässt, steht nicht an erster Stelle. Durch die Projektbegleitung spielt auch das Projektreferat des Vereines „Jugend Eine Welt“ Österreich eine große Rolle und erledigt auch für die Stiftung die Arbeit. Wichtig ist, dass möglichst viel Geld zu unseren Projektpartnern kommt und dort konkret wirkt.

Da stehen die Themen im Vordergrund?

Wir stellen hier zu allererst die Interessen des Stifters in den Mittelpunkt. Die Stiftung gibt uns die Möglichkeit, mit Zustiftern ins Gespräch zu kommen, während wir bei Testamentsspendern nur auf das angewiesen sind, was in einem Testament vermerkt ist. Die Stiftung ermöglicht aus Gebersicht, die eigenen Interessen stärker zu verankern als bei einer Schenkung oder bei einem Testament. Organisationsfamilie ist dafür das richtige Wort. Alle Teile sind Strukturen, die für das ein oder andere Thema dienlich sind. Sei es eine GmbH, um Verkäufe zu tätigen, die Finance GmbH mit Anleihen und Darlehen, der Verein und die Stiftung mit ihren Vorteilen. Im Vordergrund steht es, diese Vorteile zu kombinieren. Wir leben schließlich doch in einer Zeit, in der Eigennutz mehr Anhänger findet als der Einsatz für zivilgesellschaftliche Rahmenbedingungen und für die Werte, die unser Zusammenleben prägen.                        

Weitere Infos finden Sie auf den Websiten von „Die Stimme der Gemeinnützigen“ und „Jugend Eine Welt“

Interview: Paul Stadelhofer
Foto: PR

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