Dresdner Tafel: Weniger bevormunden, weniger wegwerfen

Bei den Tafeln herrscht Hochbetrieb
Bei den Tafeln herrscht Hochbetrieb

Darum geht's: Tafel, Flüchtlinge, Studenten, Ehrenamt

Veränderung erfordert Mut. Der neue Chef der Dresdner Tafel ist mutig, denn er hat seinen Laden auf den Kopf gestellt. Dafür gab es nicht nur Lob, aber zufriedenere Tafelkunden. Sie können sich ihre Lebensmittel jetzt selbst aussuchen und sicher sein, dass nichts mehr weggeworfen wird.

 

Das neue Konzept kommt gut an. Vor der Ausgabestelle des Dresdner Tafel e. V. stehen wartende Menschen in einer langen Schlange. Drinnen drängt sich Einkaufswagen an Einkaufswagen. Eine Veränderung, die Tafelchef Andreas Schönherr umgesetzt hat, ist gleich zu sehen. „Bisher gab es mehrere Stationen, an denen Lebensmittel von unseren Mitarbeitern an die Kunden verteilt wurden“, sagt er. Heute sieht es aus wie in einem normalen Supermarkt. Die Leute stöbern in den Regalen und legen die Lebensmittel, die sie brauchen, selbst in ihren Einkaufswagen. Danach bezahlen sie an der Kasse.

Der Vorteil: Niemand bekommt einen Blumenkohl, wenn er eigentlich keinen braucht. Zuhause werden nicht benötigte Lebensmittel nicht weggeschmissen, sondern alles findet seine Verwendung. „Außerdem sind unsere Kunden sehr zufrieden darüber, dass sie nicht mehr bevormundet werden“, so der Tafel-Chef.

Tafeln statt containern

Ebenfalls neu ist die Sonntagsausgabe: Am letzten Tag der Woche werden die noch übrigen Lebensmittel kostenlos verteilt. Die Dresdner Tafel steht an diesem Tag für alle offen. Niemand muss seine Bedürftigkeit nachweisen. Dieses Angebot nutzen vor allem Flüchtlingsfamilien, aber auch junge Menschen, die sich als Lebensmittelretter verstehen und sonst containern gehen. Damit hat sich die Zielgruppe der Tafelkunden erweitert, und das war auch so gewollt.

Mit Aktionen wie der „Late Night Tafel“ für Studenten und Auszubildende sprechen die Tafelmitarbeiter junge Menschen gezielt an. So auch Alrik Schumann, der Student ist und die Tafel in der Pressearbeit ehrenamtlich unterstützt. „Alle gespendeten Lebensmittel werden so sinnvoll verteilt, und die Zielgruppe wird bunter“, sagt er. Studenten müssen nur ihren Studentenausweis vorlegen und bekommen dann eine Tafelkarte ausgestellt. Mit der können sie zu allen Öffnungszeiten in den insgesamt elf Dresdner Tafelläden einkaufen. An drei Tagen der Woche können sie sich durch die Late-Night-Ausgabe wühlen.

Mitarbeit auch im Ehrenamt

Andreas Schönherr ist seit anderthalb Jahren der neue Chef der Dresdner Tafel und stand vor einer schwierigen finanziellen Situation. Mit wöchentlich 12 000 Kunden und 2000 Tonnen jährlich verteilter Lebensmittel ist die Dresdner Tafel eine der größten in Ostdeutschland. „Wir hatten im Mai 2015 pro Monat 8000 Euro Kostenunterdeckung und 80 000 Euro offene Rechnungen. Es war meine Aufgabe, die finanzielle Schieflage zu begradigen“, sagt Schönherr. Das Geld ist das eine, die Kritik an den Tafeln in Deutschland das andere. Deshalb sollte sich auch die Art der Lebensmittelausgabe verbessern und mehr Tafelkunden für eine ehrenamtliche Mitarbeit interessiert werden.

Vor allem Menschen mit eingeschränkter Gesundheit können in den Tafelläden eine Aufgabe finden und so am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Sie kümmern sich zum Beispiel um das Obst und Gemüse, das jetzt für die Ausgabe im Laden noch genauer vorsortiert werden muss. Derzeit arbeiten 120 ehrenamtliche Helfer bei der Dresdner Tafel. Durch die Neuerungen werden zwischen 300 und 500 Tafelkunden pro Woche mehr mit Lebensmitteln versorgt als noch 2015.

Neue Angebote auch in anderen Städten

Finanziert wird alles über ein neues Bezahlsystem. So kosten zum Beispiel vier Becher Joghurt, fünf Apfelsinen oder ein halbes Brot 20 Cent. Dieser Betrag entspricht einer festgelegten Einheit, die für die Betriebskosten des Vereins verwendet werden. „Bei großen Übermengen werden Lebensmittel aber auch in bis zu zehnfacher Menge der veranschlagten Einheit abgegeben“, sagt der Tafelchef. Insgesamt ist der Einkauf aber teurer geworden.

Auch in anderen Städten gibt es neue Angebote, die über die klassische Ausgabe von Lebensmitteln hinausgehen, informiert der Bundesverband Deutsche Tafel e. V. So zum Beispiel, unweit von Dresden, in Bautzen. Dort bewirtschaftet die Tafel einen Garten, in dem Obst, Gemüse und Kartoffeln in Bio-Qualität angebaut werden. Die Erträge landen dann in der Bautzner Ausgabestelle der Tafel. In Berlin fährt die Tafel mit einem Doppeldeckerbus, dem Kimba-Mobil, Schulen und andere Jugendeinrichtungen an. Die Kinder lernen das Thema Ernährung und somit die Wertschätzung von Lebensmitteln kennen. Im Bus, der mit moderner Küchentechnik ausgestattet ist, können sie selber zum Kochlöffel greifen.

Text und Foto: Beate Erler

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